Макс Фриш. SKIZZE



Max Frisch. Skizze [Schinz]



Heinrich Gottlieb Schinz, Rechtsanwalt, Vater von vier gesunden Kindern, deren altestes sich bald verheiratet, ist sechsundfunfzig Jahre alt, als ihm eines Tages, wie er es nennt, der Geist begegnet ... Schinz, wie der Name schon sagt, ist Sohn aus gutem Haus; das Verlangen, dem Geist zu begegnen, hat er schon als Jungling; er spielt Klavier und macht mehrere Reisen als Student. Paris, Rom, Florenz, Sizilien. Spater London, Berlin, Munchen, wo er ein Jahr verbringt. Er schwankt zwischen Kunstgeschichte und Naturwissenschaft; sein Beruf als Rechtsanwalt, teilweise eine Entscheidung seines Vaters, der ebenfalls ein namhafter Rechtsanwalt gewesen ist, bringt ihm bald die ublichen Erfolge, Ehe und Ehrenamter, darunter auch solche von wirklicher, von mehr als gesellschaftlicher Bedeutung: Winterhilfe, Denkmalpflege, Umschulung fur Fluchtlinge, Kunstverein und so weiter ... Seine Begegnung mit dem Geist ist keineswegs unbemerkt geblieben, einige Wochen gehort sie sogar zum Gesprach in den Stra?enbahnen; die Au?enwelt, sofern man eine mittelgro?e Stadt so bezeichnen will, sieht es allerdings als klinischen Fall, ratselhaft auch so, aufsehenerregend auch so, erschutternd auch so, aber fur die Au?enwelt ohne jede Folge.

Eines Sonntagmorgens, es schneit, ist Schinz, wie er das seit Jahren zu tun pflegt, in den Wald gegangen, begleitet von seinem Hund, gesundheitshalber. Aufgewachsen in dieser Gegend, wo schon das gro?vaterliche Haus gestanden hat, kennt er den Wald wie sein Leben. Auch der Hund kennt ihn; eine Dogge. Sein Erstaunen, als die vertraute Lichtung sich nicht einstellt, ist nicht gering, aber durchaus gelassen. Eine Weile bleibt er einfach stehen, ebenso der Hund mit schwitzender Zunge; es schneit, aber nicht so machtig, dass Schinz deswegen den Weg verfehlt hat. Der Weg ist durchaus sichtbar, nur die Lichtung nicht. Die Dogge muss sich gedulden, bis Schinz sich ein Zigarillo angezundet hat; wie er das gerne macht in Augenblicken, wo er nicht weiter wei?, sei es als Rechtsanwalt oder fruher als Major. Ein Zigarillo gibt Ruhe. Es ist jederzeit moglich, dass Baume verschwinden, ganze Gruppen, ein halber Wald; aber dass eine Lichtung verschwindet, ist nicht anzunehmen. Das kommt, sagt sich Schinz, allenfalls in der Poesie vor; wenn ein Dichter dartun mochte, dass auf marchenhafte Weise viel Zeit vergangen ist oder etwas dieser Art. Schinz ist belesen. Weitergehend, um die Dogge nicht langer warten zu lassen, denkt er so das eine und andere, sein Zigarillo rauchend; irgendwann wird die verdammte Lichtung schon kommen. Auch er hat sich einmal in der Poesie versucht; kein Grund, deswegen zu lacheln. Wie gesagt: das Verlangen, dem Geist zu begegnen, hat er schon als Jungling gekannt. Dann die Zeit mit der Naturwissenschaft; eine schone Zeit, Schinz denkt gerne daran, Mikroskop und so. Das eine und andere ist auch geblieben, nicht blo? gewisse Kenntnisse, die etwas verwischt sein mogen, aber eine gewisse Art, den Kindern zu zeigen, wie das Holz aussieht unter der Lupe, und zu erklaren, wieso das Wasser von den Wurzeln emporsteigt in die Zweige. Doch all dies horen die Kinder jetzt in der Schule; Schinz hat die Lupe, auch wenn er allein ist. Und dann die Kunstgeschichte bei Wolfflin; damals in Munchen. Auch eine gute Zeit, Schinz denkt gerne daran; im Kunstverein ist er zuweilen der einzige, der nicht faselt; das hat ihm der alte Wolfflin mit einer einzigen Blamage beigebracht, und kurz darauf hat er auch die Kunstgeschichte verlassen. Das eine und andere ist dennoch geblieben; Durer und so. Die Welt, wenn man eine mittelgro?e Stadt so bezeichnen will, hat wohl nicht unrecht, wenn sie Heinrich Gottlieb Schinz als einen geistigen Menschen betrachtet: obschon er seinerseits, das ist bemerkenswert, nie von Geist redet; er meidet dieses Wort, als hasse er es, umgeht es auf alle Arten, oft auf sehr witzige Art, als ware es etwas Unanstandiges, mindestens ist er in seiner Gegend sehr zuruckhaltend, im Grunde nicht ohne Ahnung, dass der Geist, der wirkliche, etwas durchaus Furchterliches ist, etwas Erdbebenhaftes, das man nicht rufen soll, etwas Katastrophales, das alles Vorhandene uber den Haufen wirft, etwas Todliches, wenn man ihm nicht durch au?erordentliche Gaben gewachsen ist -.
Die Lichtung ist nicht gekommen.
Funf Uhr abends, und Schinz ist zum Mittagessen erwartet worden, dammert es, dass man bald uberhaupt nichts mehr sieht. Schinz sitzt auf einem gefallten Stamm, froh, Spuren menschlicher Arbeit zu sehen; ein gewisses Bangen hat ihn doch beschlichen. Vor ihm die Dogge, keuchend, irgendwie entsetzt und verwirrt. Wie die Hunde vor einem Erdbeben! denkt Schinz. Zigarillos hat er keine mehr. Es schneit ohne Unterlass. Stille; das Keuchen der Dogge, das nur dazu da ist, dass die Stille zwischen den Stammen noch dichter wird. Einmal fallt Schnee von einer Tanne, ganz in der Nahe, aber lautlos. So muss es sein, wenn man taub ist. Dann macht Schinz, was bei belesenen Leuten vorkommt: er leistet sich den Witz, seine Lage literarisch zu sehen; die Dammerung, die unfassbare Zeit, die Stille zwischen den Stammen, die Dogge, das alles ist sehr poetisch, irgendwie bekannt, und auch die Angst, plotzlich taub zu sein, ist nicht ohne Hintergrundiges. Schinz ist sehr bewusst; er pfeift nicht, aber der kleine Witz, seine Lage literarisch zu nehmen, ist nichts anderes, als wenn ein Junge in den Keller gehen muss und dazu pfeift. Auch das ist ihm bewusst. Er schlagt den nassen Schnee von seinem Hut, entschlossen, aufzustehen und weiterzugehen. Wohin? Die Dogge sieht, wie der Herr einen gebrochenen Ast nimmt, einen Knebel; sie winselt vor Hoffnung, der Herr werde ihn werfen, sie lauft umsonst. Einmal, ganz unwillkurlich, schlagt er mit dem Knebel gegen einen Stamm. Nicht aus Angst, taub zu sein! Nur so. Wie es hallt: dumpf, fast ohne Ton, obschon er immer kraftiger schlagt, bis der Knebel zerbricht. Einen Ton, der wirklich tragt, hat es nicht gegeben. Das macht naturlich der Schnee. Alles wie Watte. Wieso sollte ein Mensch plotzlich taub werden? Er nimmt die Dogge an die Leine. Es gibt nichts als Gehen. Und vor allem sagt sich Schinz: Nicht sich selber verruckt machen. Das hat schon gar keinen Sinn. Jeder Wald hat irgendwo ein Ende! Und im ubrigen sind sie immer noch auf einem Weg, Schinz und die Dogge, deren Knurren ihm anzeigt, dass jemand kommt. Von hinten. Nur jetzt nicht denken: Das ist der Geist. Die Dogge bellt, so dass er die Leine schon kraftiger fassen muss. Ein Mann im Lodenmantel, vielleicht ein Forster, ein Holzfaller, ein Naturfreund und Sonntagsganger, der die Menge meidet, uberholt ihn
- "Erlauben Sie", sagt Schinz -
Obschon ihm der Schwei? auf der Stirn steht, ist er ganz ruhig, froh, seine eigene Stimme zu horen, die nach dem Weg in die Stadt fragt; dabei muss er die bellende Dogge halten, ist nicht imstande, den Fremden naher anzusehen.
"Sie haben sich verirrt?"
"Ja", lacht Schinz: "das ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen -."
Schinz hort selber, wie ungeheuerlich das tont: ein Mensch, der sich in seinem Leben noch nie verirrt habe! und fugt hinzu:
"Dabei kenne ich diesen Wald wie mich selbst."
Die Dogge kann sich nicht beruhigen.
" WO wollen Sie denn hin?"
"In die Stadt", sagt Schinz: "wo ich herkomme -."
Der Forster betrachtet die Dogge.
"Wo ich herkomme", sagt Schinz noch einmal: "Bevor es Nacht ist."
Die Dogge, springend wie gegen einen Einbrecher, rei?t ihn fast um, so, dass Schinz kaum zum vernunftigen Sprechen kommt. Sie benimmt sich wirklich wie ein Biest, die verdammte Dogge, dann merkt man erst, was fur ein Riesentier das ist. Zum Gluck zeigt der Forster keine Angst, nur Interesse. Im ubrigen, was den Weg in die Stadt betrifft, sagt der Forster, was Schinz sich selbet hatte sagen konnen:
" Warum gehen Sie nicht einfach zuruck?"
"Auf dem gleichen Weg -?"
Eigentlich wahr, denkt Schinz.
"Oder wenn Sie mit mir kommen wollen, ich wei? ja nicht, in der Strecke kommt es aufs gleiche heraus - so oder so..."
Schinz muss sich entscheiden.
"Sehr freundlich von Ihnen -."
" Wie Sie wollen."
Unterwegs, Schinz hat sich fur das Vorwarts entschieden, ist die Dogge wieder ganz manierlich. Der Mann ist wirklich ein Forster. Sie sprechen uber Doggen. Alles ganz alltaglich; warum sollte es anders sein! Naturlich reden sie nicht immerzu. Es gibt solche Holzwege, die im Kreis herumfuhren, um den Wald zu erschlie?en. Schinz ist zum Umsinken mude, aber zufrieden, auf Stunden kommt es ihm nicht mehr an, wenn er nur in die Stadt kommt. Das Literarische, das Hintergrundige in dem Gedanken, dass er auf einem anderen Weg in die Stadt zuruckkomme, Gedanken, dIe er in schweigsamen Viertelstunden vornimmt, das alles hat wenig Bestand, sobald der Mann im Lodenmantel, der im Dunkeln immer unsichtbarer wird, seinen Mund aufmacht; er redet wirklich nicht wie ein Geist. Einmal flucht er auf den Staat, obschon er bei diesem angestellt ist; Argerliches mit einem Konsortium. Es schneit immer noch. Ein andermal plaudern sie uber Zellulose, wobei Schinz einige naturwissenschaftliche Kenntnisse verrat, die den Forster auf falsche Vermutungen bringen, so, dass Schinz sich genotigt fuhlt, seinen wirklichen Beruf zu nennen. "Rechtsanwalt sind Sie?"
"Ja."
"Hm."
"Warum nicht?"
Der Forster erzahlt ihm einen Fall: so und so, etwas umstandlich erzahlt, so dass Schinz hin und wieder versucht, nach Art von Fachleuten einzugreifen, um allzu Bekanntes abzukurzen. Ein Fall wie tausend Falle. Der Forster lasst sich seine umstandliche Darstellung aber nicht nehmen.
"Nein", widerspricht er: "der Mann hat nicht gestohlen, das sage ich nicht, der Mann war in schwerer Not, denn eines Tages -"
"Und dann hat er gestohlen."
"Nein."
"Aber Sie sagen doch -"
"Nein", wiederholt er mit der zahen Beharrlichkeit gewisser einfacher Leute, die keine Nerven haben und etwas langsam denken: "Ich sage, der Mann war in schwerer Not, denn eines Tages -"
Schinz ist nicht an seinem Schreibtisch, sondern im Wald; er hat keine andere Wahl, als zuzuhoren, seine gro?e Dogge an der Leine. Kein Telefon, das ihr Gesprach unterbricht, keine Mamsell, die hereinkommt und dem Doktor einen deutlichen Vorwand bringt, um aufzustehen, nichts von alledem; Schinz muss zuhoren. Von stadtischen Lichtern ist noch immer nichts zu sehen. Der Fall ist nicht blod, zugegeben, aber keineswegs ungewohnlich, und es ist fur Schinz nicht einzusehen, warum er alles in solcher Umstandlichkeit anzuhoren hat. Hin und wieder, wenn sie vor einer Gabelung ihres Weges stehen, verstummt das Gesprach; Schinz ist sich bewusst, dass er den Forster braucht. Mindestens bis zu den ersten Laternen. Es bleibt ihm nichts, als die Geschichte weiter anzuhoren. Nicht dass der Mann keinen fachmannischen Einwand duldete! Schinz kann jederzeit sagen, wie er die Sache ansieht; der Forster fallt ihm nicht in die Rede, aber auch nicht aus der eigenen heraus.
"Verstehe!" sagt er nicht unhoflich: "Aber so war es nicht, das konnen Sie naturlich nicht wissen: eines Tages namlich -"
Einmal sagt Schinz:
"Sie entschuldigen!"
Er kann nicht mehr anders, muss auf die Seite treten, wo er an einem Stamm etwas verrichtet. Die Dogge schnuppert, der Forster wartet, der Schnee fallt lautlos zwischen den Stammen.
"Ich komme nach!" ruft Schinz.
Stille ... Um die Pause zu verlangern, bringt er nicht nur seine Kleider in Ordnung, gelassener als sonst, er nimmt den Hut, um den Schnee abzuschutteln, sogar den Mantel, den er zum selben Zweck auszieht. Er sucht in samtlichen Taschen, ob er nicht doch ein Zigarillo findet. Umsonst. Endlich wieder in Ordnung, bewussterma?en mit einem neuen Gesprach gewappnet, stapft er auf den Weg zuruck; der Schnee ist schon tief, die Hosensto?e platschnass. "Da sind Sie ja!" sagt Schinz erleichtert und aufgeraumt: "Als wir Buben waren, wissen Sie, da haben wir in diesem Wald einmal Rauber gespielt; da ist mir doch einmtal das Folgende passiert -"
Der Forster hort zu. "Im Hemd!" schlie?t der Erzahler: "Im Hemd stand ich da, sage und schreibe, und so musste ich zuruck in die Stadt." Sie lachen.
"Dieser Forster", sagt Schinz nach einigen Schritten: vielleicht waren Sie das!"
"Vielleicht." - Schweigen.
"Und dann", sagt die Stimme des Forsters: "dann ging diese Geschichte naturlich weiter; wie gesagt, der Mann war in schwerer Not, er hatte keine Wahl, wie Sie selber zugeben, eines Tages hat er das Fahrrad gestohlen, und jetzt ging es naturlich los, eines Tages werde ich als Zeuge gerufen -"
Das ist von Schinz der letzte Versuch gewesen, dieser Geschichte mit dem Fahrrad auszuweichen. Eine kleine, aber umstandliche, eine alltagliche, eine verzwackte, aber wirkliche Geschichte ... Es ist, als sie endlich zu den ersten Laternen kommen, beinahe Mitternacht. In der Stadt ist der Schnee nicht geblieben, lauter Nasse, die Flocken sinken aus den stadtischen Bogenlampen, eine Limousine fahrt durch spritzende Tumpel, kein Mensch, zum Gluck gibt es noch eine Stra?enbahn, eine letzte, so dass Schinz, was der Forster hoffentlich begreift, sich nicht lange verabschieden kann. Hinein mit dem Hund! Drinnen gru?t Schinz mit dem triefenden Hut, ohne den Forster im Dunkeln zu sehen -.
"So ein Wetter!" sagt er.
Der Schaffner gibt keine Antwort, nur zwei Karten, eine fur Schinz und eine fur den Riesenhund, der auf der Plattform steht, dieweil Schinz sich gerne gesetzt hat ... Im Licht ist alles wie nie gewesen! ...
Naturlich hat Schinz keine Schlussel, wenn er mit dem Hund einen Morgenbummel macht. Aber Bimba, versteht sich, hat ohnehin nicht geschlafen; sie ist au?er sich.
"Nicht einmal ein Anruf!" sagt sie.
Sein einziger Wunsch: ins Badzimmer, bevor sie fragt, wo er gewesen sei. Sie wird es nicht glauben. Er gahnt; etwas mehr als unwillkurlich; um nicht sprechen zu mussen.
"Wo bist du denn gewesen?"
Keine Antwort; er zieht die Schuhe aus, im Grunde zufrieden, dass er wieder zu Hause ist, argerlich nur, um jetzt nicht gefragt zu werden. Umsonst! Bimba kennt ihn, wei?, dass er keine Auskunft geben will; kein Gesprach, sondern ein hei?es Bad. Bimba lasst es einlaufen, ihrerseits argerlich, immerhin holt sie ein frisches Frottiertuch, legt es wortlos hin, argerlich uber solchen Mannerkniff: Ich habe Arger, lass mich in Ruhe! Auch der Hund, der im Office frisst, trieft vor Nasse. Die Kinder schlafen bereits, ebenso das Dienstmadchen. "Wieso willst du nichts essen?" sagt Bimba: "Ich mache einen Tee, Eier, kaltes Fleisch ist auch noch da -."
"Danke."
Bimba sieht ihn an.
"Gottlieb, was ist mit dir?"
"Nichts", sagt er: "Mude -."
Das Bad ist voll.
"Danke", sagt er -
Einmal gibt sie ihm einen Kuss, um zu wissen, ob er getrunken hat. Keine Spur. Schinz gibt den Ku? zuruck, um endlich baden zu durfen.
"Du hast ja Fieber?"
"Unsinn", sagt er.
"Bestimmt hast du Fieber!"
"Komm", sagt er: "Lass mich -."
"Warum kannst du nicht sagen, wo du den ganzen Tag gewesen bist? Verstehe ich nicht. Nicht einmal ein Anruf! Ich sitze den ganzen Tag, rege mich auf wie eine Irrsinnige - und du kommst um Mitternacht, wo wir seit dem Mittagessen warten, und sagst nicht einmal, wo du gewesen bist."
"Im Wald!" schreit er.
Ture zu! ... Hoffentlich sind die Kinder nicht erwacht, es ist sehr unbeherrscht gewesen, sehr unschinzisch. Dreiviertel Stunden dauert das Bad. Als Schinz herauskommt, rosig und wie neugeboren, sitzt Bimba mit verheulten Augen.
" Was ist denn los?"
"Ruhr mich nicht an!" sagt sie.
Bald zwei Uhr, es ware wunderbar, jetzt schlafen zu konnen, wenn Bimba nicht weinen wurde. Eine Frau von vierundvierzig Jahren, Mutter von vier gesunden Kindern, deren altestes demnachst heiraten wird, schluchzt mit zitternden Schultern! nur weil der Gatte sich erlaubt hat, einen Sonntag lang sich im Wald zu verirren.
"Bimba", sagt er - und streicht ihr immer noch schones Haar: "Morgen ist Montag!"
"Bitte, geh schlafen."
"Ich bin wirklich im Wald gewesen -"
"Wenn das wieder losgeht!" weint sie.
"Was?"
"Warum lugst du?" sagt sie plotzlich ohne Tranen: "Wenn es ein Frauenzimmer ist, warum sagst du es nicht?"
Pause.
"Es ist kein Frauenzimmer."
Pause.
"Und wenn!" schreit er plotzlich: "Ich habe gelogen, ja, ich habe gelogen! Ein Leben lang habe ich gelogen - - -"
Bimba versteht kein Wort, eine Viertelstunde geht er hin und her, Heinrich Gottlieb Schinz, der nicht getrunken hat, das wei? sie; hin und her, schreiend, um so lauter schreiend, je mehr sie ihn dampfen will, Dinge redend, die keinen Sinn haben, die alles auf den Kopf stellen, aber wirklich alles, kein Glaube bleibt an seinem gewohnten Ort, kein Wort, das gestern noch gegolten, ein Leben lang gegolten hat - Vielleicht hat er wirklich Fieber ... Anders kann Bimba es nicht erklaren, sein wirres Geschrei, Bimba sagt fast nichts; nur einmal: "Gottlieb, ich bin nicht taub."
Bimba hat ihn noch nie so erlebt.

Am andern Morgen, wie gesagt, es ist Montag, Arbeitstag, die Kinder mussen ins Gymnasium, fruhstucken im Stehen, die Mappe unter dem Arm, obschon Schinz diese Schlamperei nicht haben will - am andern Morgen, als Schinz und seine Bimba zusammen fruhstucken, scheint alles wieder in Ordnung; kein Wort uber die nachtliche Szene; Bimba im Morgenrock, der ihr besonders schmeichelt, rostet die Brote wie immer am Montag, wenn das frische Brot noch nicht da ist; Schinz uberfliegt die Morgenzeitung, indem er es ganz seinen Handen uberlasst, das Ei zu kopfen, kurzum, die Gewohnung: - alle Worte stehen wieder an ihrem Ort ... Von Fieber kann nicht die Rede sein, Schinz hat sich gemessen.
"Got sei Dank", sagt Bimba: "du hattest dich zu Tode erkalten konnen." Sie glaubt jetzt an den Wald.
"Jedenfalls werden wir dich am Nachmittag wieder messen!" meint sie: "Die Anita hat eine wirkliche Erkaltung erwischt." (Anita hei?t gie Dogge.)
Der Montag vergeht wie gewohnlich, die laufenden Geschafte bringen nichts Besonderes, Schinz fuhlt sich durchaus in Ordnung, so dass sie die Karten fur den "Rosenkavalier" nicht zuruckgeben. Nach dem Theater, alles wie gewohnt, trinken sie ein Glas Wein; Bimba im schwarzen Pelz. Sie ist besonders zartlich zu ihm, unwillkurlich, etwa wie zu einem Kranken. Schinz merkt es mehr als sie: etwas Behutendes, etwas auch von einer Mutter, welche die Leute nicht will merken lassen, dass ihr Kind ein fallendes Weh hat. Da er sich tadellos fuhlt, krankt es ihn nicht; immerhin bemerkt er es, hofft, sie werde diese etwas ruhrende Art bald wieder verlieren. Nicht Bimbas eigentliche Art! Doch sagen will er nichts. Mein Liebes, musste er etwa sagen, ich bin nicht verruckt! Drau?en auf der Stra?e kauft Schinz eine Zeitung, alles wie gewohnt; als er zum Wagen zuruckkommt, sitzt Bimba bereits am Steuer. Sie mochte wieder einmal fahren! Schinz schweigt.
"Sonst verlerne ich es", sagt sie.
Auf der Heimfahrt redet Schinz kein einziges Wort, das ist selten bei ihm, aber auch schon dagewesen. Immerhin sagt Bimba:
"Was ist mit dir, Gottlieb?"
"Was soll denn sein."
"Bist so still!"
"Nichts", sagt er: "Mude -."
"Die Steinhofer war doch herrlich!"
"Sehr."
"Sie ist reifer geworden", sagt Bimba: "Oder findest du nicht?"
Keine Antwort.
"Ich fand sie herrlich."
Wenn das so weitergeht, denkt Schinz, wird es eine Holle. Wenn was weitergeht? Das wei? er nicht. Aber eine Holle, das ist sicher... Er schlie?t die Garage, wahrend Bimba, obschon es regnet, auf der Treppe wartet.
"Geh doch schon!" ruft er. Sie wartet. Er, plotzlich am Rande seiner Beherrschung, rei?t nochmals die Garage auf, macht Licht, offnet den Wagen.
" Was ist denn los?" ruft Bimba.
Schinz hat die Zeitung vergessen. "Geh schon!" ruft er -
Aber Bimba wartet, sie ist sogar einige Stufen heruntergekommen, als habe sie Angst, Schinz konnte den Wagen nehmen und nochmals wegfahren. In den Wald, zu der Geliebten in den Wald! denkt er, lasst sich au?erordentlich Zeit, bis er die Garage wieder geschlossen hat. Sie wartet wie eine Krankenwarterin! denkt er...
Das ist der Montag gewesen.

Ebenso der Dienstag, der Mittwoch, der Donnerstag... am Donnerstag hat Schinz einen neuen Fall, einen ziemlich gewohnlichen: Anklage auf Diebstahl. Nicht Diebstahl eines Fahrrades! Auch Schinz hat sogleich daran gedacht, etwas literarisch wie er nun einmal ist; uberrascht hatte es ihn nicht, wenn es die Geschichte gewesen ware, die der Forster so umstandlich erzahlt hat. Aber so ist das Leben ja nicht, so witzig, so vorlaut. Gestohlen wurde nicht ein Fahrrad, sondern ein Wagen, ein Citroen. Schinz hort sich die Geschichte an, eine umstandliche, aber alltagliche, eine verzwackte, aber wirkliche Geschichte. Er ist bereit, die Sache zu fuhren, wie er es von jeher getan hat, namlich gewissenhaft; er tut nichts anderes als sonst; er sucht das Recht; er stellt die Sache hin, wie er sie sieht - und der Skandal ist da! (Sein erster Skandal.)
Heinrich Gottlieb Schinz, Rechtsanwalt, Sohn eines namhaften Rechtsanwaltes, ein bekannter und uberall geschatzter Mann in einer mittelgro?en Stadt, Vater von vier gesunden Kindern, die das Gymnasium besuchen oder bereits uberstanden haben, Heinrich Gottlieb Schinz steht im Gericht, dem er drei Jahrzehnte lang alle Ehre gemacht hat, und sagt:
"Nein! Der Mann hat nicht gestohlen, nicht mehr gestohlen als der Herr, dem dieser Wagen gehort, der Mann war in schwerer Not, denn eines Tages -"

"Nein! der Mann hat nicht gestohlen -."
Es ist spater ein geflugeltes Wort geworden, das einzige, das Schinz auf dieser Erde hinterlassen hat... Andere Witze, die man zur Zeit dieses ersten kleinen Skandales horen kann, sind nicht uberpersonlich genug, um die Zeit zu uberdauern; einer davon geht so:
" Wissen Sie das Neueste?"
"Was denn?"
"Schinz ist nicht mehr Rechtsanwalt."
"Sondern?"
"Linksanwalt."
Daruber hat mehr als einer gelacht, sogar Schinz - nur Bimba nicht, die das Ganze durch einen Anruf erfahren hat; etwa in dem Ton: Was ist los mit Ihrem verehrten Herrn Gemahl? Nicht umsonst ist Bimba auf alles gefasst gewesen. Seit dem nachtlichen Ausbruch an jenem Sonntag. Die Nachricht empfindet sie fast wie eine Entspannung. Wenn es nur das ist! Peinlich genug, da es naturlich in der Zeitung steht. Schinz liest es beim Fruhstuck, nicht gleichgultig, aber auch nicht erregt.
Das stimmt nicht", sagt er nur.
Ein sehr gemeiner Bericht.
"Ich werde ihnen sofort schreiben", sagt er, indem er seine Hauszeitung hinlegt und sich Kaffee eingie?t: "das mussen sie richtigstellen."
Nach zwei Tagen kommt seine Einsendung zuruck, was ihn ordentlich betrifft. Wieder beim Fruhstuck. Bimba ist noch im Badezimmer, als er die Post bekommt. Er steckt das Kuvert in die Tasche seines Morgenrockes, bevor Bimba kommt.
"Wei?t du", sagt Bimba: "du solltest doch zu einem Arzt gehen -."
Doch! sagt sie; weil sie im stillen schon seit Wochen daran gedacht hat: Nervenarzt. O ja! Um nicht zu sagen: Irrenarzt... Er loffelt sein Ei; eine halbe Stunde spater erbricht er es wieder, tut aber alles, dass Bimba es nicht merkt.
"Wo gehst du hin?"
Keine Antwort.
An diesem Morgen geht Schinz zu seinem Freund, der allerdings nicht vom Fach ist, aber ein wirklicher Freund, eigentlich der einzige, wenn auch die Freundschaft etwas einseitig ist; fur Schinz bedeutet sie mehr als fur den andern. Er ist Musiker. Ein lieber Mensch, der etwas gerne Recht gibt. Schinz wei?: Es hei?t nicht viel, wenn Alexis dir Recht gibt! Es hei?t, dass er eine Sympathie zu dir hat. Aber darum geht es jetzt nicht. Alexis ist Emigrant, das ist wichtig; ein Fremdling. Als Zeuge ohne volles Gewicht; er hat sich halt daran gewohnt. Alexis ist froh, wenn er geduldet ist; er liebt es nicht, sich einzumischen. Aber ein feiner Mensch, einer von den wenigen. Fur Schinz wurde es sich nur darum handeln, dass Alexis die beiden Texte liest, den Bericht in der Zeitung und seine eigene Einsendung. Um dann zu sagen, ob er die Einsendung richtig findet oder verfehlt, anma?end, ubertrieben. Nur keine Ubertreibung!
"Ich brauche deinen Rat."
Alexis liegt noch im Bett.
"Ich habe einen kleinen Skandal -."
"Ich wei?."
"Nun ist folgendes -"
Telefon, Alexis nimmt es ab. Schinz wartet, erhebt sich etwas unrastig, tritt ans Fenster, um eine Zigarette zu rauchen... Bimba will wissen, ob ihr Mann vielleicht bei Alexis ist - Eine Minute spater, ohne seine Sache vorzubringen, ist Schinz wieder gegangen, unhaltbar wie ein launischer Junge; ein Mann von sechsundfunfzig Jahren, Doktor Schinz, Rechtsanwalt, Vorstand des Kunstvereins. Alexis ruft Bimba an:
"Was habt ihr denn?" fragt er.
Bimba weint...
So geht das weiter, alles etwas komisch, etwas kleinlich, etwas ubertrieben. Schinz ist auf die Zeitung gegangen; man kennt sich gesellschaftlich, und die Leute mussen ihn empfangen, tun es auch, alles nicht unfreundlich, aber es gelingt ihnen nicht, Schinz zu uberzeugen, dass seine Einsendung, um nur davon zu reden, unmoglich ist.
"Nein! der Mann hat nicht gestohlen -."
Die Herren sehen einander nur an, schweigen, wie die arme Bimba geschwiegen hat, als Schinz damals hin und her gegangen ist, Dinge redend, die alles auf den Kopf stellen, aber wirklich alles, kein Glaube bleibt an seinem gewohnten Ort, kein Wort, das ein Leben lang gegolten hat...
"Gut", sagt der Schriftleiter: "bleiben wir bei der Sache! Sie beharren also darauf, dass wir Ihre Einsendung veroffentlichen -"
"Ja."
"Herr Doktor", sagt der Herr: "darauf kann ich Ihnen nur eines sagen: ich bin bereit, aber ich warne Sie."
Schinz, von dem zweifellos menschlichen Ton beruhrt, hat seine Einsendung nochmals zur Hand genommen, obschon er ihren Text nachgerade kennt. Der Herr halt es fur seine menschliche Pflicht, Schinz zu warnen; er wiederholt das noch einige Male. Schinz will naturlich nicht starrsinnig sein. Eine Pose des Mutes? Der Herr halt es gar nicht fur Mut, wenn Schinz daran festhalt, sondern fur Irrsinn; er sagt es gelinder: Fauxpas. Auch Schinz halt es nicht fur Mut; die Einsendung sagt wirklich nichts, was ihm nicht selbstverstandlich ist. Nicht so: Euch will ich es einmal sagen, ich, Heinrich Gottlieb Schinz! Sondern ganz simpel: Warum soll ich verschweigen. was ich finde? Als einer von Mut redete, hat es ihm fast Angst gemacht; aber er kann nichts Mutiges daran finden. "Wie Sie wollen". sagt der Herr -
Seine Einsendung bleibt also da.
"Und ohne jeden Strich?"
"Ja", sagt Schinz: "es sind ja kaum anderthalb Seiten -."
Schinz, seine Mappe in der linken Hand, hat sich verabschiedet, wie er es gewohnt ist, hoflich, Auge in Auge; sie schauen ihn an wie einen, der an die Front geht... Am andern Morgen, wie er wieder beim Fruhstuck sitzt, ist die Einsendung erschienen. Oben auf der zweiten Seite. sehr sichtbar, versehen mit einem kurzen Nachwortlein, worin die Schriftleitung, wie sie behauptet, es dem Leser uberlasst, seine Meinung uber einen solchen Rechtsanwalt zu bilden. Das ist das erste, was Schinz uberfliegt. Dann liest er den eigenen Text, etwas bange, ob sie wirklich nichts verstummelt haben. Das nicht; aber es ist, als wurden die Lettern, gewohnt das genaue Gegenteil auszusagen, sich weigern, seinen Sinn wiederzugeben. Zum ersten Male, Schinz erbleicht von Zeile zu Zeile, zum allerersten Male merkt er, dass etwas geschehen ist, dass er sich verwandelt hat, dass das Selbstverstandliche, was er zu sagen hat, in Widerspruch steht zu aller Umgebung, in einem endgultigen und unversohnbaren Widerspruch. Darum die Warnung? Jetzt erst, gleichsam erwachend, bemerkt er auch den Titel, den sie daruber gesetzt haben: "Nein! Der Mann hat nicht gestohlen..."
In diesem Augenblick wei? Schinz, dass er erledigt ist; allermindestens als Rechtsanwalt; allermindestens in dieser Stadt.

Der Rest ist wie ein boser Traum. Er ist bald erzahlt, glaube ich, die Entscheidung ist gefallen damals im Wald, als er mit dem Forster gegangen ist, vorwarts statt ruckwarts. Er kam aus seiner Stadt, er wollte in seine Stadt. Die Dogge, die schone Anita, ist kurz darauf eingegangen; jeder Hund geht einmal ein; Schinz hat sich sehr gewehrt, diesem naturlichen Hundetod irgend etwas beizumessen, aber betroffen hat es ihn doch; es ist ihm, als habe er seinen letzten Zeugen verloren, seinen letzten Begleiter; eines Tages sieht Schinz sich an der Grenze, allein, anders als fruher, wenn er nach Paris gereist ist, nach Rom, nach Florenz, nach London, nach Munchen; ohne Gepack, ziemlich unrasiert steht er in einem kleinen kahlen Raum, wo er sich ausziehen muss, ausziehen bis aufs Hemd - Schinz zogert, als konne er es nicht glauben, aber der Kommissar wiederholt es:
"Bis aufs Hemd."
Jede Tasche wird untersucht, nicht grob, aber unbarmherzig. Schinz hat keine Ahnung, was sie suchen. Er ist nicht uber einen Bach geschwommen, nicht uber nachtliche Acker gekrochen; er ist mit der Bahn gefahren. Ohne Gepack. Vielleicht hat das ihn verdachtig gemacht. Sein Pass ist gultig, auch wenn man ihn gegen das grellste Licht halt. Waffen hat er nicht, auch keine Goldbarren, nicht einmal Schriftstucke, nichts, was aus seinen Unterhosen herausfallt. Aber verdachtig ist verdachtig. Schinz versucht, ruhig zu sein, nichts zu sagen. Die andern, die ihn betasten, sagen ebenfalls nichts. Korper eines alteren Mannes, das ist alles, was sie finden. Auch zwischen den Schuhsohlen, die trotz seiner ehrenwortlichen Versicherung aufgetrennt worden sind, ist nichts. Schinz kann sich wieder ankleiden. Der Kommissar, seinen Pass in der Hand, verlasst die kahle Zelle; der Gendarm bleibt. Durch einen Turspalt sieht Schinz, wie die anderen Reisenden eben ihre gepruften oder ungepruften Koffer wieder verschlie?en, Herren und Damen, Pelze, Hutschachteln, die Trager nehmen die bunten Colis.
"Wenn Sie so freundlich waren", sagt Schinz: "die Ture zu schlie?en -."
Der Gendarm gibt einen Fu?tritt.
"Nur die Ruhe!" sagt er: "Den Zug bekommen Sie sowieso nicht mehr."
"Wieso nicht?"
Der Gendarm tragt ein Gewahr.
"Wieso nicht?" fragt Schinz -
Der Gendarm konnte sein Sohn sein.
"Fertig?"
Das fragt nicht der Gendarm, sondern ein dritter, der die Tur wieder geoffnet hat, um sie wieder nicht ganz zu schlie?en; herein und hinaus - Fertig? nichts weiter als das: Fertig?... Schinz bemuht sich, nicht zu hassen; das ist ihr Dienst, sagt er sich, ein widerlicher Dienst, mitten in der Nacht eine Uniform anziehen und auf die verspateten Zuge warten, Leute sehen, die ans Meer fahren oder ins Gebirge, Leute untersuchen, die daran schuld sind, dass man solchen Dienst uberhaupt machen muss. Schinz bemuht sich, seine misshandelten Schuhe anzuziehen und nicht zu hassen. Ein alterer Mann wie er, im Augenblick nicht gerade gepflegt, Hosen mit Hosentragern, Hemd ohne Kragen, dazu das grunliche Licht, Schinz begreift, dass er hier nicht die Formen erwarten kann, welche die Herren auf der Zeitung noch gewahrt haben, bevor sie den Titel wahlten:
"Nein! Der Mann hat nicht gestohlen..."
Man wird sehr rasch bekannt.
"Nehmen Sie Platz", sagt der Kommissar, als Schinz, seinen Mantel auf dem Arm, vor dem Tisch steht und wieder eine Krawatte tragt: "Bitte, nehmen Sie Platz."
Schinz bleibt stehen.
"Ich mochte Sie darauf aufmerksam machen", sagt er: "dass mein Zug in vier Minuten weitertfahrt."
"Das geht mich nichts an."
Pause.
"Meinetwegen bleiben Sie stehen."
Schinz setzt sich, es hat keinen Sinn, die Leute vor den Kopf zu sto?en; das ist ihr Dienst, ein widerlicher Dienst.
"Schinz, Heinrich Gottlieb -."
"Ja."
"Doktor jur."
"Ja."
"Rechtsanwalt -."
"Ja", sagt Schinz; es fehlt jetzt nur noch, denkt er, dass der Hornochse mir vorliest, wie viel Zentimeter ich habe.
"Geboren -"
"Ja"
Drau?en hort man das Gepaff der Lokomotive, bereit, jeden Augenblick abzufahren; Schinz bei?t auf die Lippen, der Hornochse blattert im Pass, als hatte er noch keinen gesehen.
"Wo fahren Sie hin?"
"Hinaus", sagt Schinz.
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"Ich frage, wo Sie hinfahren."
"Ich sage: Hinaus."
Pause.
"Ich frage Sie zum letzten Mal."
Schinz hat Muhe, nicht zu hassen, alie zu hassen in diesem Einzigen, der da hockt, seinen Pass in der Hand, zu hassen, zu hassen... Nicht die Nerven verlieren! denkt er: "Ich muss hinaus, ich muss, ich kann es nicht aushalten, Unrecht zu sehen und zu schweigen, Zeitungen zu lesen, die das Gegenteil sagen, Menschen zu sehen, die mich wie einen armen Kranken behandeln, wie ein Kind mit einem fallenden Weh, zu fuhlen, wie sie Angst haben vor meinem nachsten Fauxpas, diese mutterliche Sorge, ich konnte unseren Wagen auf ein Trottoir fahren, diesen freundschaftlichen Rat, ich solle nicht so viel rauchen und mich nicht in eine Sache hineinsteigern, das Schweigen, wenn ich mich erklare, die unausgesprochene Hoffnung, dass ich endlich zu einem Nervenarzt gehe, ich halte es nicht mehr aus, ich muss hinaus! - und noch ist der Zug nicht abgefahren, die paffende Lokomotive, die zum Platzen voll Dampf ist..."
"Wo fahren Sie hin?"
"Das geht Sie einen Dreck an!"
Schinz ist aufgesprungen,
"Bitte", sagt der Kommissar -
"Das geht Sie einen Dreck an!" schreit Schinz: "Das geht Sie einen Dreck an!"
Schreien ist so unschinzisch, er merkt es jedesmal, bereut es jedesmal, nicht weil der Hornochse ihn jetzt strafen wird, bereut es, weil es ihm nicht liegt... Gottlieb, hat Bimba damals gesagt, ich bin nicht taub - Und ob sie taub sind! Alle sind sie taub! Sie horen, dass man schreit, aber nicht, was man schreit. Das ist es! Naturlich sind sie taub, sonst wurden sie sich selber nicht aushalten, sie wurden eingehen wie die Dogge, weil sie es gehort haben und nicht sagen konnen, wie die Dogge! denkt er, wahrend der Kommissar sich ebenfalls erhebt und trocken lachelt:
"Bitte. Sie konnen gehen."
Den Pass hat er in die Schublade geworfen, die Schublade schlie?t er ab, den Schlussel steckt er in die hintere Hosentasche, die Fulle seines Arsches zeigend - Schinz hat begriffen, nimmt seinen Mantel, geht hinaus, doch kommt er nicht weit, bis der junge Gendarm ihn einholt.
"Sie sollen zuruckkommen."
" Warum?"
"Sie sollen zuruckkommen."
Schinz geht zuruck; der Kommissar steht, eine Pfeife anzundend, so dass er eine Weile nicht sprechen kann; dann sagt er: "Schlie?en Sie die Ture wie ein anstandiger Mensch, Herr Doktor."
Schinz schluckt. Der Kommissar raucht, bereits anderweitig beschaftigt. Schinz schlie?t die Ture wie ein anstandiger Mensch... Drei Uhr morgens, es regnet wieder in Stromen, geht er schwarz uber die Grenze, Heinrich Gottlieb Schinz, Rechtsanwalt, ein Mann ohne Papiere.
Die Kinder schamen sich im Gymnasium.
Einige Nachte sieht sich Schinz, wie ,er in Stadeln ubernachtet, nie ganz schlafend, wachsam, solange er sich im Grenzgebiet befindet. So ungefahr, denkt er, ist Alexis uber unsere Grenze gekommen, der Emigrant, der als Zeuge kein volles Gewicht hat; man ist sehr rasch ein Emigrant. Man ist ansassig, wie man ansassiger nicht sein kann, hat einen Stammbaum und ein Haus; plotzlich ist man ein Emigrant. Das ist schon ofter vorgekommen! Man sieht die Dinge etwas anders, als die andern sie lehren; man kann nichts dafur, dass die Zeitungen das Gegenteil schreiben... Eines Tages melden sie, dass Schinz geschnappt worden ist, namlich auf der andern Seite. Er soll, wie der behordliche Ausdruck lautet, abgeschoben werden. Abgeschoben! Fur die Familie ein nicht ausdenkbarer Schlag. Nur Bimba halt sich gro?artig; sie ist alt geworden, hat fast keinen Umgang. Nicht dass die Menschen sie meiden! So sind die Menschen ja auch wieder nicht; nur Bimba halt sie nicht aus, nicht einmal ihr Schweigen. Sie verteidigt nicht alles, was Schinz gesagt und getan hat; etwa sein lacherlicher Zank mit der Zeitung; aber der Fall mit dem Wagen, ja, das findet auch Bimba, dass der Mann, je ofter sie daruber nachdenkt, und zwar allein, nicht gestohlen hat. Komisch, wie anders man sieht, wenn einmal der gewohnte Umgang etwas nachlasst! Und wie er nachlasst, wenn man anders sieht; das ist dann nicht mehr komisch, Bimba ist sehr alt geworden. Wieder sitzt da ein Kommissar:
"Schinz, Heinrich Gottlieb -?"
Schinz schweigt.
"Doktor jur."
Schinz schweigt.
"Rechtsanwalt!" sagt der Kommissar, der diesmal keinen Pass halt, sondern einen Steckbrief, und fahrt fort: "Warum leben Sie unter einem falschen Namen?"
Schinz schweigt.
"Sie haben die Grenze schwarz uberschritten. Ihr eigenes Land hat Ihnen die Papiere entzogen."
"Das ist nicht wahr!"
"Sie haben also die Grenze nicht uberschritten?" sagt der Kommissar nicht ohne Stolz auf die zwingende Fuhrung des Verhors:
"Sie befinden sich also nicht in diesem Land?"
"Man hat mir keine Papiere entzogen."
" Wieso haben Sie denn keine?"
Schinz, sich furs erste mit einem kurzen hamischen Lachen begnugend, nimmt ein Taschentuch heraus, ein sehr ungewaschenes, wie es bei einem Schinz hochstens noch in der Bubenzeit hat vorkommen konnen, grau und verwurstelt, feucht, widerlich, dann sagt er:
"Das ist eine lange Geschichte -"
Bald erinnert er sich selber nicht mehr!
"Damit geben Sie also zu", sagt der Kommissar: "dass Sie nicht Bernauer hei?en, sondern Schinz - Heinrich Gottlieb, Rechtsanwalt?"
"Ja."
Schinz schneuzt sich; es brauchte keine spiegelnde Fenster scheibe, damit er wei?, wie er aussieht! Kein Geld fur frische Hemden, einige Nachte in den Wartesalen dritter Klasse, Verlust der Bugelfalten, einige Nachte im Freien, kein warmes Wasser, Seife von offentlichen Aborten, ein Mantel, der sozusagen zu deiner Wohnung geworden ist, und das Kostum eines Verdachtigen ist da. Verlasse dich nicht auf dein Gesicht, auf die Zuge deines Gesichtes! Vergiss den Rosenkavalier, vergiss den Kunstverein, vergiss die Denkmalpflege; Kenntnisse dienen nur noch dazu, dich restlos verdachtig zu machen. Ein Mann wie du, der ein Haus hat und einen Wagen, warum hast du deine Stadt verlassen? Warum hast du es notig, Bernauer zu hei?en?... Das Protokoll, das erste von vielen kommenden, kannst du unterzeichnen, wenn es fertig ist; es sind da noch einige Fragen.
"Herr Doktor", sagt der Kommissar, das noch bescheidene Dossier offnend, und sein Ton, wenn er Doktor sagt, ist nicht etwa hohnisch, sondern durchaus achtungsvoll, da der gewohnliche Landstreicher nun entlarvt ist als ernsthafter Fund: "Sie haben Verbindungen zu einem gewissen Becker?"
Schinz stutzt.
"Becker, Alexis, Emigrant."
Schinz schweigt.
"Ja oder nein?"
Schinz schweigt.
"Bitte", lachelt der Kommissar: "vielleicht erinnern Sie sich, wenn ich Ihnen das Bild zeige -."
Schinz hat das Gefuhl, rot zu werden.
"Das Bild ist allerdings alt", sagt der Kommissar: "Ihr Freund tragt keinen Schnurrbart mehr, so viel wir wissen."
Schinz schweigt.
"Ich will Sie nicht uberrumpeln, Herr Doktor, Sie werden Zeit genug haben, sich alles zu uberlegen", sagt der Kommissar mit dem fast kollegialen Ton von Todfeinden, die ihre Spielregeln kennen: "Ferner kennen Sie sehr wahrscheinlich einen gewissen Marini..."
"Marini?"
;,Francesco Marini."
"Nein. -"
"Oder Stepanow."
"Stepanow?"
"Ossip Stepanow."
"Nein!"
"Oder Espinel."
"Nein!" sagt Schinz.
"Roderigo Espinel."
"Nein!" sagt Schinz.
"Seine Namen tun nichts zur Sache", sagt der Kommissar:
"Aber wenn Sie ihn kennen, erinnern Sie sich an sein Gesicht - ein sehr markantes Gesicht, das hat noch keiner vergessen, der ihn einmal gesehen hat."
Und damit gibt er das Foto:
"Ein fertiger Christuskopf!"
Schinz erbleicht...
"Sie erinnern sich, Herr Doktor?"
Schinz halt das Foto: der Forster, der Lodenmantel - Man will mich wahnsinnig machen, denkt er, man will mich wahnsinnig machen! - Er steht in dem Lodenmantel, ein Forster am Sonntag, der sich vor seine Stamme stellt und eine Aufnahme machen lasst, etwas verlegen, ein schlechtes Foto, aber deutlich, ein dilettantisches Foto. Schinz legt es auf den Tisch zuruck, unwillkurlich und etwas rasch, so, als verbrenne es seine Finger oder als ware es schwer wie ein Stein... Der Kommissar hat sich unterdessen eine Zigarette genommen, zundet an; jetzt sagt er:
"Kennen Sie den Menschen?"
Die Zelle, die Schinz bekommt, ist ganz ordentlich. Sie hat sogar Sonne, ein etwas hochgelegenes Fenster, so dass man nichts von der Welt sieht, nur einen Kamin, namlich wenn Schinz auf seiner Pritsche steht. Die Pritsche ist hart, aber sauber, nicht unwurdig. Drei Uhr mittags verschwindet die Sonne; kurz danach hort man eine Turmuhr. Schinz findet es schon viel, dass er nicht gegen eine Mauer sieht, womoglich lloch eine Schattenmauer, sondern gegen den Himmel. Seine Zelle ist offenbar im obersten Stockwerk; jedenfalls hort man oft das Geflatter der Tauben, hin und wieder schwirrt eine vor dem Gitter vorbei. Manchmal ist Schinz ganz heiter: Man muss halt nicht uber die Grenze schleichen! sagt er sich. Die Zelle ist klein; es erinnert ihn an das bekannte Kloster in Fiesole. Uberhaupt die Erinnerungen! Seine erste Angst, als er an dieser Stelle sitzt: Jetzt nicht den Glauben an deine Unschuld verlieren! Das Foto mit dem Forster, sagt er sich, ist eine Hysterie gewesen; er hat es ja kaum wirklich betrachtet; er ist erschrocken und hat es weggelegt. Erschrocken uber einen Lodenmantel, wie es Tausende gibt! Das Gesicht, sagt Schinz sich mit Recht, hat er damals gar nicht so deutlich gesehen; es war ja schon Dammerung, dann sogar Nacht. Lass dich nicht irrsinnig machen! Und wenn schon, denkt er ein anderes Mal, wenn er es wirklich gewesen ware: was habe ich verbrochen? Ich habe ihn gesehen, gut, ich habe mit ihm geplaudert, gut, vor allem hat er geplaudert. Was weiter? sagt Schinz, indem er plotzlich in seinem Hin und Her wieder stehen bleibt: Was geht dieser Marini mich an oder dieser Stepanow oder wie er hei?t? Dann legt er sich auf die Pritsche: Man will mich irrsinnig machen, sagt er sich ziemlich gelassen, man will mich irrsinnig machen. Drau?en hort man das Gackern von Huhnern. Irgendwie schon. Ein Fenster voll Himmel; das Gitter davor ist nicht so schlimm; Schinz hat ja keine Absicht, hinunterzuspringen in den Tod oder hinauszufliegen uber die Kamine. Einmal, denkt er, wird ein Gericht stattfinden. Hin und wieder hort man auch das Hupen von Wagen, aber ziemlich ferne; jenseits von Baumen, jenseits eines Hofes oder so. Das ganze Gebaude, wer wei?, war vielleicht einmal ein Kloster; Schinz hat auf seinen Reisen so viele alte Kloster besucht, sich manchmal vorzustellen versucht: Wenn du in einer solchen Zelle leben musstest? und dann ist Bimba gekommen, begeistert von einem Kreuzgang, man ist hinuntergegangen, hat Fresken bewundert, langsam ist man hinausgegangen, Sonne auf einer Piazza, gegenuber ein kleines Ristorante. Die Fresken: Sebastiano mit den Pfeilen im Leib, ein Kindermord zu Bethlehem, ein Christophorus, die drei bekannten Kreuze auf Golgatha, viel bittere Geschichten, aber schon. Wolfflin fallt ihm ein! Und so weiter. Zum Gluck sind die Kinder schon gro?. Manchmal steht Schinz einfach an der Wand, die Arme an der Wand, den Kopf in den Armen, so dass er nichts sieht; mit offenen Augen. Der Himmel ist zum Verzweifeln. Schlafen geht nicht. Traume machen alles so ma?los. EinmaI wird das Essen kommen. Dann wird es sich zeigen! ob es Gendarmen sind oder Warterinnen, Gefangnis oder Irrenhaus. Das ist seine einzige Angst. Wenn du nirgends auf der Welt ein voller Zeuge mehr bist. Als sie kommen, die Schritte, nimmt er den Kopf nicht von der Wand; die Ture geht auf, Schinz bleibt so, die Ture geht zu. Schinz schaut: ein Geschirr ist da, ein blechernes, aber sauber, Kartoffelsuppe und Brot, ein etwas komisches Gefa? mit frischem Wasser... Wochen wie Jahre, Jahre wie Wochen, Verhore, die sich wortlich wiederholen, Namen, die Schinz nicht kennt, hin und wieder ist er durchdrungen vom Bewusstsein, dass alles nur ein Traum ist, aber das andert nichts daran; sooft er erwacht, sieht er das Gitter von dem Himmel, und jeden Morgen, wenn es grau wird, hort er, wie die Hahne krahen -. Endlich ist es soweit.
Eines Tages sieht sich Schinz, wie er es von Bildern kennt, in Hemd und Hose und mit einem kleinen Strick um die Handgelenke. Er ist nicht allein. Sie stehen in einem Schulhaushof, Kies, die Kastanien bluhen mit wei?en und roten Kerzen. Stunden ohne Ahnung. Die Soldaten, die sie bewachen, tragen eine Uniform, die Schinz noch nie gesehen hat; die Historie, scheint es, hat sich wieder einmal gewendet, die Mutzen sind anders, der Schnitt der Hosen, anders ist auch die Art, das Gewehr zu tragen. Es ist schon ziemlich hell, aber vor Sonnenaufgang. Was Schinz, ubrigens der einzige Deutschsprechende in seiner Gruppe, mehr beschaftigt als die unbekannten Uniformen, ist der kleine Huhnerhof des Hauswartes, wo er zum ersten Male die beiden bekannten Hahne sieht, die er jeden Morgen gehort hat! noch haben sie nicht gekraht... Auf der Treppe der Turnhalle erscheint ein Mann ohne Uniform, ein ziemlich junger Bursche, der eine Armbinde tragt; eine Liste verlesend:
"Stepanow, Ossip."
"Hier."
"Becker, Alexis."
"Hier."
"Schinz, Heinrich Gottlieb."
"Hier."
Die ubrigen blicken auf den Kies. Je ein Soldat fuhrt die eben Gerufenen aus ihrer Gruppe. Hinuber in die Turnhalle, die immer noch, obschon es tagt, hell erleuchtet ist. Naturlich wird nicht gekreuzigt, sondern erhangt. Die Vorrichtung ist lacherlich einfach, fast schulbubenhaft; drei Ringseile sind heruntergelassen, daran je ein ziemlich dunner Strick mit einer Schlaufe. Darunter je ein fluchtig genagelter Holzblock mit drei Stufen. Schinz denkt: Das kann aber nicht euer Ernst sein! ohne sich jedoch eine Hoffnung zu machen, dass es deswegen nicht stattfinden werde. Auch daruber ist Schinz sich klar, dass er nie mehr erfahren wird, worin sein Verbrechen eigentlich bestanden hat. Irgendwie spielt es wirklich keine Rolle; so weit ist er schon gekommen. Wieder vergeht eine Weile. Die drei Gerufenen sind so gestellt, dass sie sich den Rucken zuwenden, einander nicht sprechen und nicht sehen konnen. Schinz sieht einen Tisch, gemacht aus zwei Hurden und einem Brett, darauf ein Eisenstab, zwei Handschuhe, wie die Schwei?er sie haben, drei kleine Schnappzangen, ein Bunsenbrenner, ein vielfach vergluhter Draht, das genugt, damit lasst sich foltern, so viel man nur will. Eine Uniform spricht mit einer Art von Arzt, der mehrmals die Achseln zuckt. Dann, da die bei den offenbar zu keinem Ende kommen, wendet sich die Uniform, drei Fotos in der Hand; jeder wird nochmals mit seinem Foto verglichen. Dann kommt der junge Bursche mit der Armbinde, weist ihnen die Platze an. Links Becker, Stepanow in der Mitte, rechts Schinz. Die Schlaufe sollen sie sich selber um den Hals legen - es ist wirklich der Forster. Er sagt:
"Warum haben Sie mich verraten?"
Schinz hat keine Stimme.
"Warum haben Sie mich verraten?"
Der Forster hilft ihm, vorwurfslos, so wie er dem armen Becker schon geholfen hat, so, als ware er schon unzahlige Male gehangt worden, er selber. Schinz schaut ihn an und sagt:
"Ich verstehe kein Wort."
Der Forster lachelt.
"Ich habe Sie nicht angesprochen, Herr Doktor, Sie haben mich angesprochen, Sie haben mich nach dem Weg gefragt -."
"Nein", sagt Schinz.
"Tragen wir es."
Da, sein Christus-Gesicht vor Augen, kann Schinz es nicht ertragen, schreit, als konne er daran erwachen, schreit, wie ein Mensch nur schreien kann, schreit:
"Nein! Nein! Nein!"
Das ist das letzte Mal gewesen, dass Schinz seine eigene Stimme gehort hat - - - Erwacht, schwei?uberstromt, die eigene Hand an seinem Hals, der unversehrt ist, merkt er es nicht sogleich, Bimba streicht ihm die Stirne, Bimba ist alt, Bimba lachelt, der Arzt steht am Fu?ende des Bettes, Bimba bewegt die Lippen, aber sie sagt kein Wort, auch der Arzt bewegt die Lippen, aber niemand sagt ein Wort. Schinz ist taub. Als er es wei?, schlie?t er die Augen; als musste, wenn er sie dann abermals aufmacht, alles verandert sein. Nichts ist verandert, sie bewegen die Lippen. Als er es sagen will, dass er sie nicht mehr horen kann, merkt er, dass er auch stumm ist.
Schinz hat nach diesem Ereignis noch sieben Jahre gelebt, ohne seine Vaterstadt zu verlassen. Mit dreiundsechzig Jahren stirbt er eines naturlichen Todes. Und nicht ohne Ansehen. Sein sonderbarer Fauxpas ist zwar nicht vergessen worden, aber verziehen; man hat den taubstummen Herrn auch auf der Stra?e immer zuvorkommend begru?t; die Au?enwelt, ausgenommen Bimba, hat das Ganze, wie schon gesagt, durchaus als einen klinischen Fall betrachtet, aufsehenerregend auch so, erschutternd auch so, aber fur die Au?enwelt ohne jede Folge.

OCR, Spellcheck: Илья Франк, http://frank.deutschesprache.ru



Макс Фриш. SKIZZE